O Sommerfrühe blau und hold!
Es trieft der Wald von Sonnengold,
in Blumen steht die Wiese.

Die Rosen blühen rot und weiß,
und durch die Felder wandert leis,
Ein Hauch vom Paradiese.

Die ganze Welt ist Glanz und Freud,
und bist du jung, so liebe heut,
und Rosen brich mit Wonnen!

Und wardst Du alt, vergiß der Pein,
und lerne dich am Wiederschein,
des Glücks der Jugendsonnen.

(Emanuel Geibel)

Ich bin noch klein und hab erst zwölf Blütchen.
Auf meinem Schildchen steht "Prunus triloba".
Ich bin nicht so groß wie die gelben Forsythien.
Dafür bin ich rosa.

Ich bin noch klein und ganz ohne Füßchen.
Und wüsste so gern, wie das Tanzen tut !
Überbringen Sie, bitte, die schönsten Grüßchen
den Gänseblümchen und den Radieschen!
Und es ginge mir gut.

Erich Kästner

Die Zeit geht mit der Zeit: Sie fliegt.
Kaum schrieb man sechs Gedichte,
ist schon ein halbes Jahr herum
und fühlt sich als Geschichte.

Die Kirschen werden reif und rot,
die süßen wie die sauern.
Auf zartes Laub fällt Staub, fällt Staub,
so sehr wir es bedauern.

Aus Gras wird Heu. Aus Obst Kompott.
Aus Herrlichkeit wird Nahrung.
Aus manchem, was das Herz erfuhr,
wird, bestenfalls, Erfahrung.

maedchenbus 2021

Löwenzahn ist schon seit jeher
als höchst kriegerisch verschrien,
denn er lässt bei gutem Winde
Fallschirmtruppen feindwärts ziehn.
Und ich sitz auf der Veranda
und verzehre meine Suppe
und entdecke in derselben
zwei Versprengte dieser Truppe.

Erhardt, Heinz (1909–1979)

Panoramaseite.pdf

Wie Christus auferstanden
Und nun entgangen war
Des finstern Todes Banden,
Zeigt’ er sich seiner Schar,
Ließ seine starke Hand
Noch vierzig Tage sehen;
Man hat ihn wohl erkannt
Aus dem, was ist geschehen.

Emanuel Geibel (1815-1884)

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus,
Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus;
Wie die Wolken wandern am himmlischen Zelt,
So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.

Herr Vater, Frau Mutter, dass Gott euch behüt!
Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht!
Es gibt so manche Straße, da nimmer ich marschiert,
Es gibt so manchen Wein, den ich nimmer noch probiert.

Frisch auf drum, frisch auf im hellen Sonnenstrahl
Wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Tal!
Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all,
Mein Herz ist wie ’ne Lerche und stimmet ein mit Schall.

Johann Wolfgang von Goethe
(1749 bis 1832)

Verfließet, vielgeliebte Lieder,
Zum Meere der Vergeßenheit!
Kein Knabe sing' entzückt euch wieder,
Kein Mädchen in der Blütenzeit.

Ihr sanget nur von meiner Lieben;
Nun spricht sie meiner Treue Hohn.
Ihr wart ins Wasser eingeschrieben;
So fließt denn auch mit ihm davon.

Nach diesem Frühlingsregen,
Den wir so warm erfleht,
Weibchen, o sieh den Segen,
Der unsre Flur durchweht!
Bis in die blaue Trübe
Verliert sich unser Blick!
Hier wandelt noch die Liebe,
Hier hauset noch das Glück.

(Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832, deutscher Dichter, Naturforscher)